Martin-Heidegger-Forschungsgruppe

Herr Studiosus Martin Heidegger und seine Heimatstadt Meßkirch

Alfred Denker, Pont de Cirou

Bausteine für seine Biographie 1)

In der Biographie Martin Heideggers klaffen, vor allem in den Quellen zu seiner Schüler- und Studienzeit, große Lücken. Es gibt nur wenige Briefe aus dieser Zeit und auch die Archiven des Konradihauses und des Heinrich-Suso-Gymnasiums sind wenig aufschlussreich. Für die Studienzeit in Freiburg sieht die Sachlage besser aus. Vor allem Hugo Ott hat hier wichtige Arbeit geleistet. Groß war dann auch meine Überraschung, als ich im Heidegger-Archiv der Stadt Meßkirch, eine unbekannte Heidegger Veröffentlichung im Heuberger Volksblatt entdeckte. Auf Grund dieser Entdeckung habe ich die in Betracht kommenden Jahrgänge des Heuberger Volksblattes durchgearbeitet. Ein Teil der Resultate meiner Forschung möchte ich in diesem Aufsatz präsentieren.

Das Heuberger Volksblatt ist die katholische Tageszeitung der Stadt Meßkirch, die von 1899 bis 1935, als sie von den Nazis eingestellt wurde, erschienen ist. Martin Heidegger taucht im Juli 1909 zum ersten Mal im Volksblatt auf.

 

* * * *

 

Heuberger Volksblatt 11, Nr. 86, 21. Juli 1909

 

Meßkirch. Herr Oberprimaner Martin Heidegger, Sohn des hiesigen Mesners Friedrich Heidegger, hat in Freiburg das Abiturienexamen mit bestem Erfolg bestanden. Der überaus strebsame, talentierte junge Mann will sich dem Studium der Theologie widmen.

* * * *

 

In September desselben Jahres hat Heidegger die Abraham-a-Sankta-Clara-Feier in Hausen im Tal präsidiert. Schon im Februar 1909 wurden die Leser des Heuberger Volksblattes aufgefordert eine alte Ehrenschuld auszutragen durch dafür zu sorgen, dass Abraham zu seinem 200. Sterbetag sein eigenes Denkmal in Kreenheinstetten bekommt. Weil der Bericht über die Feier einen guten Eindruck vermittelt des kulturellen und katholischen Umfeldes, bringe ich diesen hier vollständig.

 

* * * *

 

Heuberger Volksblatt 11, Nr. 108, 10. September 1909

 

Die Abraham-a-St-Clara-Feier in Hausen i. Tal.

 

“Wer zählt die Völker, nennt die Namen,

die festlich hier zusammenkamen.”

 

An diese Dichterworte musste man unwillkürlich erinnert werden, wenn man die vielen Studenten in Hausen im Tal sehen konnte. Alle waren zusammengekommen in dem einen Streben, unsern großen Landsmann Abraham a Sankta Clara zu feiern und sein Wirken wieder ins Gedächtnis zurückzurufen, um dadurch neue Begeisterung und neue Ideale für unsere Berufsarbeit zu finden. Auch einige Herren Gäste waren erschienen.

Wir waren uns wohl der Schwierigkeiten bewusst, die zu beseitigen waren, als wir den Plan fassten, eine solche Feier zu veranstalten. Zuerst musste durch energische Kleinarbeit die Begeisterung bei jedem Einzelnen geweckt werden, was verhältnismäßig sehr bald geschehen war. Dann mussten diejenigen bestimmt werden, welche die einzelnen Vorträge und Geschäfte übernahmen. Wie der Verlauf der Feier gezeigt hat, war die Wahl, besonders die des Präsidiums und des Hauptreferenten eine sehr glückliche.

Im Folgenden sollen nur die wichtigsten Momente der Feier herausgegriffen werden. Alles Einzelne anzuführen, wäre unmöglich. Das Präsidium der Feier führte mit viel Geschick und feinem Verständnis Herr Theologie-Kandidat Martin Heidegger von Meßkirch. Mit geradezu poetischen Worten eröffnete er die Feier. Er wies in kurzen Ausführungen auf den Gedanken hin, der uns hier aus allen Teilen des inneren und äußeren Heubergs zusammengeführt hatte, nämlich den großen Sittenprediger und Schriftsteller Abraham a Sankta Clara zu feiern.

Darauf folgte ein komisches Terzett “Die fidele Gerichtssitzung”, vorgetragen von dem Unterprimaner Fröhlich und Obersekundaner Hafner von Meßkirch und dem Unterprimaner Deufel von Hartheim. Dasselbe wurde mit Beifall angenommen. Nachdem ein begeistert gesungene Kantus verklungen war, hielt Herr Minorist Ballweg von Meßkirch die Festrede. In kurzen markanten Strichen zeichnete er ein Bild von dem Leben Abrahams. Er zeigte ihn, wie er als Hofprediger von Wien in hochherziger Weise dem Volke sowohl wie dem Hofe ungeschminkt die Wahrheit sagte. Der zweite Teil der Rede befasste sich mit seiner schriftstellerischen Tätigkeit. Als Schriftsteller sei Abraham besonders für den Sprachforscher von großer Wichtigkeit. Dabei sei es nur angebracht, auch diesem Manne als einem hochherzigen Redner und Patrioten ein Denkmal zu setzen. Die Rede schloß mit einem begeistert aufgenommenen Hoch auf den Heimatort des Mannes, auf Kreenheinstetten. Die Rede wurde von der Korona mit großem Beifall aufgenommen, weshalb auch das Präsidium dem Redner den herzlichsten Dank aussprach. Im Anschluss daran wurde die Kapuzinerpredigt aus Schillers “Wilhelm Tell” vom Unterprimaner Deß aus Schwennigen mit geradezu dramatischer Kraft und Gewandtheit vorgetragen, weshalb er auch vom Präsidium als zweiter Abraham bezeichnet wurde. Nachdem wiederum ein Lied gesungen ward, ging Präsident Heidegger in wirklich klassischer Sprache kurz auf die literarischen Fehden unter den deutschen Katholiken ein. Er beleuchtete mit treffenden Worten die Streitigkeiten, die zwischen Hochland und Graal entstanden sind und zeigte, wie Hochland immer mehr im modernistischen Fahrwasser segelte und durch übermäßige Kritik katholischer Autoren gerade das niederriss, was sein Herausgeber Karl Muth aufbauen wollte. Ich möchte nur wünschen, das diese sehr objektiv gehaltene Rede, die auf beiden Seiten Licht- und Schattenseiten hervorhob, mehr bekannt würde. Zum Schlusse forderte er die Anwesenden, insbesondere die Gymnasiasten auf, Abonnenten und Jünger Graals zu werden. Stürmischer Beifall folgte diesen Ausführungen. Es folgte hierauf eine Biermimik von Unterprimaner Fröhlich, die allgemeine Heiterkeit hervorrief. Um aber von Abrahams Werken selbst etwas zu hören, verlas Studiosus Philosophie Neusch von Nusplingen eine Stelle aus “Judas der Erzschelm”, die sehr beifällig aufgenommen wurde. Leider waren die Stunden nur zu bald verflossen und wir mussen ans Auseinandergehen denken. Vorher wurde aber noch durch Unterprimaner Deufel dem Präsidium Heidegger für seine große Mühe und Anstrengung der Dank der ganzen Korona ausgesprochen und ein donnerndes Hoch auf ihn ausgebracht. Nachdem Heidegger noch allen, die zu dieser Feier beigetragen hatten, den hochwürdigen Herren Geistlichen, besonders Herrn Vikar Heusler von Meßkirch und Herrn Pfarrverweser Kaspar von Kreenheinstetten, Dank der Studentenschaft ausgesprochen hatte, wurde die Feier mit einem Schlusskantus geschlossen. Besonderen Dank gebührt noch besonders Herrn Lehrer Schwarz von Heinstetten für seine Bereitwilligkeit, während der Feier die Bierorgel in Tätigkeit zu setzen.

Allen, sowohl den Herren Geistlichen als auch den Gymnasiasten und besonders den Akademikern sei auch an dieser Stelle der herzlichste Dank gesagt. Wenn nun noch einige allgemeine Bemerkungen zu dieser Feier gemacht werden sollen, so seien es diese: Durch Veranstaltung dieser Feier, die in erster Linie von Mulus Löffler aus Glashütte ausging, haben die Heuberger Studenten bewiesen, dass sie eine großen Mann entsprechend zu würdigen wissen. Wie wir aber aus diesem Anlass zusammenkommen konnten, so könnte dies in den folgenden Jahren noch öfters geschehen. Wir könnten dabei, entsprechend dem Plane Dr. Karl Sonnenscheins, eine Art sozialer Studentenzirkel abhalten, um das soziale Verständnis unter den Studenten immer mehr zu wecken und zu fördern. Dieser Gedanke wurde auch von Studiosus Philosophie Neusch angeregt und von Herrn Pfarrverweser Kaspar energisch unterstützt.

Hoffen wir, dass diese Anregungen auf fruchtbaren Boden gefallen sind. Und in diesem Sinne rufe ich allen ein herzliches “Auf Wiedersehen im nächsten Jahre” entgegen.

 

* * * *

 

Mitte Februar 1911 musste Heidegger sein Theologiestudium abbrechen, da seine nervöse Herzbeschwerde sich wieder einstellten. Mit Erlaubnis des Konviktdirektors Dr. Bilz begab er sich in seine Heimat und blieb auch für das Sommersemester beurlaubt. Er sollte vollständige Ruhe haben bis er vollständig hergestellt sei. Im Sommer traf er die lebenswichtige Entscheidung das theologische Studium aufzugeben und auf den Priesterlaufbahn zu verzichten. (Ab Wintersemester 1911/12 studierte Heidegger neben Mathematik und Geschichte vor allem Philosophie.) Die Erholungszeit in Meßkirch verschaffte ihm auch die Muße Vorträge zu halten. Da er auch in 1912 und 1913 mehrmals als Redner in Meßkirch aufgetreten ist, scheint der Abbruch des theologische Studiums das Verhältnis zu seiner Eltern nicht wesentlich beeinträchtigt zu haben.

 

* * * *

 

Heuberger Volksblatt 13, Nr. 41, 5. April 1911

Meßkirch. Der bekannte Philosoph Kuno Fischer in Heidelberg schrieb in die Apol. Rundschau im vorigen Jahr folgenden treffenden Satz:

 

“Ich habe die Erfahrung gemacht, dass auf keinem Gebiet die Unwissenheit und Neigung zum absprechenden Urteil größer ist als auf dem religiösen. Diese Unwissenheit ist eine Folge mangelnden Religionsunterrichts und eines Überflusses an Aufklärung. Wenn man auf einem anderen Gebiete nichts weiß, so pflegt man zu schweigen, aber auf religiösem Gebiete glauben alle mitsprechen, über alles absprechen zu können. Sie wollen kämpfen gegen Religion, ohne sie zu kennen.”

 

Diese nur zu wahren Ausführungen Fischer’s bildeten für den hoch interessanten Vortrag, den Sonntagabend. Herr Vikar Morgenthaler im „Männer-Verein Zentrum“ gehalten, gleichsam das Motto. Er zeigte an Hand von zahlreichen Beispielen, wie sich sowohl in unserm Heimatland Baden und im deutschen Reich überhaupt, sowie auch im Auslande allüberalll die kirchenfeindlichen Strömungen bemerkbar machen dadurch, dass sich Leute in rein katholische Dinge mischen, die sie nicht im Geringsten etwas angehen und von denen dieselben auch kein Jota verstehen. Speziell apostrophierte er diejenigen Herren gehörig, die sich so sehr um den Antimodernismus kümmern und vielfach nicht einmal den Inhalt des Eides kennen.

Herr Studiosus Martin Heidegger behandelte in einem weiteren Vortrag in recht anschaulicher Weise das an und für sich schwierige Thema: Modernismus. Es gehört schon ein gründliches Studium und vor allem theologische Kenntnisse dazu, hierüber übersichtlich sprechen zu können. Doch Herr Heidegger vereinigt all die Eigenschaften in sich, die zur anschaulichen Behandlung des Themas nötig sind und bot so den gespannt lauschenden Zuhörern Aufklärung in vollem Maße. Durch die Vorführung einer Reihe von leicht verständlichen Beispielen wurde das wissenschaftliche Thema sehr populär. Auch dieser Redner gab seiner Meinung dahin Ausdruck, dass sich viele gebildet sein wollende Herren mit der Frage des Antimodernisteneides befassen, obwohl sie nicht einmal wissen, was eigentlich der Modernismus, der von der katholischen Kirche bekämpft werde, wolle. Sehr richtig führte der Redner aus, wenn der Schuster mit der Herstellung eines Stück Möbels betraut werde, so könne man mit Sicherheit erwarten, dass etwas dummes dabei herauskomme. Und so verhalte es sich auch, wenn Unberufene über den Modernisteneid zu Gericht sitzen. (Selbstverständlich können sogar Professoren den größten Blödsinn in dieser Frage verzapfen, ja sie bleiben hiervon nicht einmal verschönt, wenn sie sich noch “Doktor” schreiben)

Da in der letzten liberalen Versammlung in Meßkirch die katholischen Orden in sehr ungerechter Weise mitgenommen wurden und deren Wissenschaftlichkeit angezweifelt wurde, war es mehr wie erwünscht, dass Herr Stadtpfarrer Lohr die katholischen Ordensleute gegenüber den frivolen Angriffen in Schutz nahm und an Hand einer Statistik speziellen Erfindungen, welche den von liberaler Seite stetsfort angefeindeten „Kuttenträgern“ auf wissenschaftlichem Gebiete zukommen, bekannt gab. (Wir werden in einem besonderen Artikel noch den Hauptinhalt des Vortrags wiedergeben.)

Sämtliche Redner ernteten für ihre Ausführungen rauschenden Beifall und wurde ihnen vom Vorsitzenden der gebührende Dank ausgesprochen.

 

* * * *

 

Heuberger Volksblatt 14, Nr. 46, 19. April 1912

 

Meßkirch. Im Gesellenverein hält am nächsten Sonntagabend 8 Uhr im Bären Herr Studiosus Martin Heidegger einen Vortrag über „die tierische Abstammung des Menschen und das Urteil der Wissenschaft.“ Es ist zu hoffen, dass sich eine recht zahlreiche Zuhörerschaft einfindet. Speziell werden auch die Herren Ehrenmitglieder zu dem ohne Zweifel interessanten Abend freundlichst eingeladen.

 

* * * *

 

Heuberger Volksblatt 14, Nr. 47, 22. April 1912

 

Meßkirch. Gestern abends sprach Herr Studiosus Mathematik Martin Heidegger in der Gesellenvereinsversammlung über das angekündigte Thema: Die tierische Abstammung des Menschen und das Urteil der Wissenschaft. Der Redner behandelte zuerst die auf den englischen Naturforscher Darwin zurückgehenden allgemeinen Entwicklungstheorien und beleuchtete in diesem Zusammenhang die phantastischen Konstruktionen Haeckels bezüglich der Stammbäume. Das heute der Prophet des Monismus seine wissenschaftliche Rolle ausgespielt hat, wurde besonders hervorgehoben. Die Erörterung des ersten Teiles über die allgemeine Abstammungslehre der gesamten Lebewesen ergab, dass die besagten Theorien innerlich widerspruchsvoll sind und vor den Tatsachen sich als willkürliche Spekulation erweisen. Der zweite Teil des Vortrages befasste sich mit der speziellen Frage der Affenabstammung des Menschen. Haeckels “Ergebnisse”, wie sie heute noch in seinen “Welträtseln” vertrieben werden, können einer tiefer dringenden Kritik nicht standhalten. Diejenige Wissenschaft, die über die Frage der Affenabstammung des Menschen das erste Wort zu reden hat, ist die Paläontologie (die Lehre von den versteinerten Resten der Lebewesen). Die durch Illustrationsmaterial unterstützte Besprechung der 14 wichtigsten Schädelfunde ergab, dass in der Eiszeit schon eine Schädelbildung in Europa vorhanden war, die vom heute lebenden Europäer wenig abweicht. Besonders muss hervorgehoben werden, dass von einer lückenlosen Ahnenreihe zwischen Affen und Menschen nicht im mindesten die Rede sein kann.

Der Vortragende streifte am Schluss noch den philosophischen Teil der Frage und erwies, dass eine Entwicklung von unvernünftigen Tiere zum wesentlich höher stehenden vernunftbegabten Menschen innerlich unmöglich ist. Trotzdem bedeute es keinen Gegensatz zum christlichen Glauben, wenn einmal die Wissenschaft wirklich beweisen sollte, dass der Mensch in leiblicher Hinsicht aus dem Tier sich entwickelt habe. Nach den heutigen Aussichten ist die Wissenschaft allerdings noch sehr weit entfernt von ihrem Ziele und wird es vielleicht nie erreichen. Die Zuhörer verfolgten mit Interesse die anderthalbstündigen Ausführungen über das viel besprochene Problem der Naturwissenschaft und Philosophie.

 

* * * *

 

Heuberger Volksblatt 14, Nr. 124, 21. Oktober 1912

 

Meßkirch. Einen hohen Genus bot gestern Abend Herr Studiosus Martin Heidegger im Gesellenverein mit seinem Vortrag über den unglaublichen Philosophen Nietzsche. Er zeigte, wie dessen zumeist grundsatzlosen Theorien Eingang gefunden in der sogenannten halbgebildeten Welt, wie die Lehrsätze Nietzsches namentlich auch der Sozialdemokratie Wasser auf ihre Mühle geliefert hätten, trotzdem Nietzsche in vielen Punkten entgegengesetzter Meinung gewesen sei als die heutigen Sozialdemokraten. Nur in dem einen Punkte stimmen beide überein: in der Gottesleugnung. Redner bezeichnete die Bücher von Nietzsche als Gift für die Jugend, einzig und allein dazu angetan, dieselbe unserem Herrgott zu entfremden. Der hochwürdige Herr Präses sprach dem geschätzten Redner den wohlverdienten Dank aus und gab u.a. auch einige Aufschlüsse darüber, was die Nietzsche Moral für eine Rolle in den Großstädten spiele, wie da die Freidenker-Prediger ihre Vorträge ganz nach dem Rezept des an Wahnsinn verstorbenen Philosophen halten usw.

 

* * * *

 

Heuberger Volksblatt 14, Nr. 126, 25. Oktober 1912

 

Meßkirch. Äußerst zahlreich war - wie wir bereits in vorletzter Montagsnummer bemerkten - die erste heurige Herbst-Monatsversammlung des Männer-Vereins Zentrum besucht; wir zählten ca. 90 Mitglieder, die anwohnten. […]

Einen zweiten Vortrag hielt Herr Studiosus Mathematik Martin Heidegger. Er berichtete über den Verlauf der kürzlich in Freiburg stattgefundenen Generalversammlung der Görresgesellschaft, die der bayerische Ministerpräsident Freiherr Dr. von Hertling präsidierte. Manchem, der bisher noch nicht recht wußte, was die Görresgesellschaft eigentlich bezweckt, wurde durch die überaus belehrenden Mitteilungen des jungen Studenten - von dem ohne Übertreibung gesagt werden darf, dass er zu den schönsten Hoffnungen berechtigt - klar, welch nützliche Ziele dieser Verein auf katholisch-wissenschaftlichem Gebiete verfolgt. Ja, wenn zurzeit das Geld nicht so rar wäre, glauben wir, dass der Appell des Redners, der Görresgesellschaft als Mitglied beizutreten, von namhaftem Erfolg begleitet wäre, aber die 10 Mark Jahresbeitrag wollen eben den meisten unserer Mitglieder etwas zu hoch erscheinen, umsomehr, als der Männerverein noch mit nicht unbedeutenden Wahlschulden zu rechnen hat. Und so möge es Herr Heidegger nicht übel auffassen, wenn seiner Aufforderung nicht in dem Maß Folge geleistet wird, wie dieselbe es von Rechtswegen verdienen würde.

 

* * * *

 

Heuberger Volksblatt 15, Nr. 31, 14. März 1913

 

Meßkirch. Der katholische Gesellenverein hält am nächsten Sonntag seine Generalkommunion. Die Gesellen werden gebeten, sich vollzählig am Tische des Herrn einzufinden.

Abends 8 Ihr ist Vereinsversammlung im Bären. Herr Studiosus Philosophie Martin Heidegger, ein alter Bekannter und hochgeschätzter Redner, wird in derselben einen interessanten Vortrag halten über das Thema: “Spiritismus (moderner Geisterglaube) und Wissenschaft”. Mögen die Mitglieder und auch die Herren Ehrenmitglieder sich recht zahlreich einfinden!

 

* * * *

 

Heuberger Volksblatt 15, Nr. 43, 14. April 1913

 

Meßkirch. Einen überaus lehrreichen Vortrag bot gestern Abend Herr Studiosus Martin Heidegger im Männerverein Zentrum. Er behandelte in freiem Vortrag in aller Gründlichkeit den Sozialismus von der wissenschaftlichen Seite aus. Wohl ist der einfache Mann über die Ziele der Sozialdemokratie im Allgemeinen unterrichtet, aber vielen ist die eigentliche Grundlage dieser Partei, deren Entstehung usw. noch etwas unbekanntes. Und hierüber gab Herr Heidegger Aufschluss und zwar in der ihm eigenen gründlichen Weise, die tiefes Wissen und eifriges Studium erkennen ließ. Es war wirklich ein Hochgenuss, diesen wissenschaftlichen Auseinandersetzungen, aus denen auch die nötigen Nutzanwendungen gezogen wurden, zu lauschen.

Im Anschlus hieran verbreitete sich Herr Stadtpfarrer Lohr, dem der Vorsitzende noch nachträglich die herzlichsten Glückwünsche zu seinem Namenstag darbrachte und die der Geehrte herzlich verdankte, über die politischen Ereignisse der letzten Zeit im In- und Ausland. Auch seinen Ausführungen wurde mit großem Interesse gefolgt. Herr Benefiziat Ehret behandelte in markanten Ausführungen die Presse, insbesondere was die kirchenfeindlichen Zeitungen und Zeitschriften, wie der „wahre Jakob“ usw. zu schreiben sich erlauben dürfen nicht bloß gegenüber der katholischen Kirche, sondern auch gegenüber Fürstenhäusern etc. Unterstützung der katholischen Presse sei Pflicht jedes katholischen Mannes.

Herr Dr. Welte stattete den Rednern den herzlichen Dank ab und berührte zum Schluss noch in kurzen Zügen die Gemeindepolitik. Vor allem rechtfertigte er sich zugleich im Namen der übrigen Zentrumsgemeinderäte gegenüber den schweren Vorwürfen, die ihnen in letzter Nummer des Grenzboten gemacht wurden. Der große Beifall hat gezeigt, dass unsere Leute mit dem Verhalten unserer Vertretung im Gemeinderate voll und ganz einverstanden sind und die Arbeit, welche die Herren im Interesse der Allgemeinheit leisten, dankbar anerkennen.

 

* * * *

 

Heuberger Volksblatt 15, Nr. 87, 28. Juli 1913

 

Von Freiburg ist am Samstag ein hocherfreuliche Nachricht eingetroffen. Herr Studiosus Martin Heidegger, der Sohn des Mesners Heidegger hier, hat in Philosophie und Mathematik den Doktor gemacht und zwar mit Auszeichnung (Note 1 = summa cum laude). Wir gratulieren dem Herrn Doktor sowohl wie seinen erfreuten Angehörigen von ganzem Herzen! Wie wir hören, beabsichtigt Herr Heidegger in nächster Zeit sich mit der Herausgabe eines größeren wissenschaftlichen Werkes zu befassen. Glück auf!

 

* * * *

 

Heuberger Volksblatt 15, Nr. 98, 22. August 1913

 

Meßkirch. Am nächsten Sonntag, abends 8 Uhr, findet im Gasthaus zum „Bären“ Gesellenvereinsversammlung statt. Herr Dr. Heidegger wird in derselben einen äußerst interessanten Vortrag halten über “Denkende Pferde”. Möge der Besuch der Mitglieder ein vollzähliger sein! Auch die Herren Ehrenmitglieder sind herzlich willkommen!

 

* * * *

 

Heuberger Volksblatt Jhrg. 15, No. 101, 29. August 1913

 

Meßkirch. Wer hat noch nichts gehört vom “klugen Hans” in Berlin, jenem Pferde, das als Rechenkünstler bekannt ist? Oder von den Hengsten des Kaufmanns Krall in Elberfeld, die lateinisch und französisch verstehen, die Karten spielen und die schwersten mathematischen Aufgaben lösen? Über diese Wundertiere sprach in der letzten Versammlung des katholischen Gesellenvereins Herr Dr. Martin Heidegger in meisterhaften Weise. Der Redner stellte zuerst die Frage: “Können die Pferde denken?” in einen größeren Zusammenhang hinein. Damit wird ihre Bedeutsamkeit und Tragweite für die allgemeine Weltauffassung sofort klar. Können die Pferde und damit die Tiere überhaupt denken, dann ist die Kluft zwischen Tier und Mensch überbrückt. Können sie nicht denken, dann gilt es, die Art des Unterschiedes zwischen Tierseele und Menschenseele festzulegen und prinzipielle Forderungen daraus abzuleiten.

Die wissenschaftliche Prüfung der Denkleistungen des “klugen Hans” in Berlin ergab, dass sie nicht auf einer selbständigen Denk- und Überlegungstätigkeit beruhen, sondern auf einem scharfen Aufmerken des Pferdes hinsichtlich der unwillkürlichen Signalbewegungen, die vom Fragesteller ausgehen. Nach beiden Bewegungen richtet das Tier die Anzahl der Klopflaute ein. Jeder Klopfzahl, die das Pferd mit seinem linken resp. rechten Vorderhuf gibt, entspricht ein bestimmter Buchstabe und so ist das Pferd imstande, sich verständlich zu machen. Bezeichnend ist eine gelegentliche Äußerung des Pferdenknechtes, dem der “kluge Hans” anvertraut war. Er erklärte einmal: “Der kluge Hans bin eigentlich ich. Wenn ich die Oogen niederschlage, trampelt das Viech solange, bis ich die Oogen wieder aufhebe.”

Der jüngste Fall der denkenden Pferde in Elberfeld ist noch nicht endgültig erledigt. Aber es ist im höchsten Grade wahrscheinlich, dass auch hier die Denkarbeit nicht von den Pferden, sondern vom Fragesteller geleistet und die Antwort dem Pferde durch bestimmte Signalbewegungen übermittelt wird. Nicht ausgeschlossen ist, dass sogar hier Betrug mitspielt.

Der Redner ging dann über zur allgemeinen Frage, können überhaupt die Tiere denken. Er behandelte des Näheren die “Intelligenz” der Ameisen, weil diese für die Entwicklungstheorie besonders bedeutungsvoll ist. Das Verhalten der Ameisen legt noch viel eher die Annahme einer Denktätigkeit nähe, als das Benehmen der höheren Tiere, besonders der Affen. Der folgerichtige Schluss wäre jetzt, den Menschen von der Ameise abstammen zu lassen. Wer diese Ungeheuerlichkeit scheut und mit Recht ablehnt, hat dann nur noch die Möglichkeit anzunehmen, dass die Ameisen trotz ihrer scheinbaren “Intelligenz” ebenso wenig denken, wie die höheren Tiere. Man sieht sich also zu einer anderen Erklärungsweise (durch Instinkt, Geruchsinn) gezwungen. Redner behandelte noch das Verhältnis der Tierseele zur Pflanzenseele und schloss mit dem Gedanken, dass eine Entwicklung des Tieres zum Menschen nach der psychischen Seite hin unmöglich ist.

Die licht- und gehaltvollen Ausführungen des verehrten Herrn Doktors wurden mit großem Beifall aufgenommen. Der Präses des Vereins dankte herzlich im Namen allen und sprach noch einige Worte über “sprechende und singende Hunde.” Das Ehrenmitglied Herr Baumeister Reinauer gratulierte hierauf noch nachträglich Herrn Heidegger zum glänzend bestandenen Doktorexamen. Zum Schluss der Versammlung kam der Humor zum Durchbruch. Es wurden Gedichte vorgetragen und nach alter Gesellenweise kräftig gesungen. Manches Ehrenmitglied stimmte freudig in den Rundgesang ein, manches wieder zog es vor, seine Stimme zu schonen und den geforderten Obulus in die Vereinskasse zu zahlen.

 

* * * *

In den nächsten Jahren hoffe ich in den “Meßkircher Heimatheften” weitere Bausteine zu der Biographie Martin Heidegger zu veröffentlichen.

 

Pont de Cirou

Alfred Denker

 

Suchen:

Google

im web    in heidegger.org

Navigation:

Leitseite
Aktuelles
Biographie
Bibliographie
Gesellschaft
Stiftung
Studies
Forschung
Impressum

Kolloquium
Mitteilung
Konferenz 2002
Konferenz 2004
Konferenz 2006
Projekte
Bibliography
Meßkirch
Mitglieder

Aktuelle Presse:

Badische Zeitung

DER SPIEGEL

DIE WELT

DIE ZEIT

FOCUS

Frankfurter Allgemeine Zeitung

Frankfurter Rundschau

heise online

Süddeutsche Zeitung

STERN

Literatur:

Empfehlung Buchhandlungen

Verlag Karl Alber - Freiburg i. Brsg.

Max Niemeyer Verlag - Tübingen

Vittorio Klostermann - Frankfurt am Main

Klett-Cotta - Stuttgart

Duncker & Humblot - Berlin

Universitätsbibliothek Freiburg Fachportal Philosophie

Wegweiser Heidegger-Literatur Universitätsbibliothek Freiburg im Breisgau

Universität / Schule:

Philosophisches Seminar Universität Freiburg

Martin-Heidegger- Gymnasium Meßkirch

Archive:

Deutsches Literaturarchiv Marbach

Husserl-Archives Leuven

Internetseiten:

'Sein und Zeit' in "Philosophisches Lesen"

Ereignis Punktmannigfaltigkeit!

Rafael Capurro

www.heidegger.ru

Leitseite ] Nach oben ] Kolloquium ] Mitteilung ] Konferenz 2002 ] Konferenz 2004 ] Konferenz 2006 ] Projekte ] Bibliography ] [ Meßkirch ] Mitglieder ]
© 1996-2009 by Burghard Heidegger  -  Stand: 2004-06-04

hit counter